Kommentar:
Die Aussagekraft der Börsenkurse oder warum sollte man sich damit
befassen
Um Kapital unproblematisch zu erhalten, bedienen sich Unternehmen der Möglichkeit,
zu Aktiengesellschaften zu konvertieren; hierdurch wird das Grundkapital
der Unternehmen in Rechte zerstückelt am Kapitalmarkt gehandelt. Zunächst
werden diese Rechte als Aktien an Nachfrager zum sog. Nennwert verkauft,
wodurch neues Kapital in die Firma fließt. Nunmehr handeln die Protagonisten
an der Börse mit diesen Papieren. Dabei bilden sich entsprechend dem
Gesetz von Angebot und Nachfrage die Preise für diese Aktien, die sog.
Kurse. Unabhängig davon, was das Unternehmen tatsächlich wert
ist, bzw. welche Nennwerte die Aktien entsprechend dem Grundkapital repräsentieren,
wird das Unternehmen so am Kapitalmarkt neu bewertet. Ein Rückkauf
der Aktien ist eigentlich nicht möglich.Theoretisch soll so aktuell
ein möglichst klares und ehrliches Bild über den wirtschaftlichen
Zustand des Unternehmens der Öffentlichkeit verkürzt gegeben werden,
denn es wird davon ausgegangen, dass insbesondere die Investoren versuchen,
ständig für die Investition möglichst viele und aussagekräftige
Informationen über die zukünftige Entwicklung der Unternehmung
zu erhalten; hierzu werden Unternehmensdaten herangezogen, auf deren Grundlage
sich die Kurse bilden.
In der Betriebswirtschaftslehre gibt es für diesen Zweck die interne
und die externe Rechnungslegung. Die in diesem Zusammenhang wichtigsten
Instrumente der externen Rechnungslegung, die Bilanz sowie Gewinn- und Verlustrechnung,
sind aber eigentlich gar nicht dazu in der Lage. Sie zeigen nämlich
nur, was mit dem Unternehmen in der Vergangenheit geschehen ist. Auf der
Basis solcher Vergangenheitsdaten versuchen Kapitalgeber, d.h. Aktionäre,
Banken, Investoren, Lieferanten, Fiskus (Steueransprüche, die ja nie
im Augenblick des Entstehens sofort ans Finanzamt gezahlt werden) u.ä.,
zu prognostizieren, wie sicher ihr Kapital und wie hoch die Verzinsung, bzw.
wann mit rechtzeitigen Maßnahmen, z.B. dem Verkauf der Investition,
vorzugehen ist; hiernach bildet sich bei einer Aktiengesellschaft der Unternehmenswert
als Produkt von Aktienstückzahl und Kurs.
Es ist dabei eine zweite Fiktion zu glauben, durch die gemeinsame Überwachung
vieler Interessenten des Kapitalmarktes könne noch eher ermittelt und
gezeigt werden, was eine Unternehmung tatsächlich wert ist. Eine schlechte
Bewertung wird nicht dadurch besser, dass sie vervielfacht wird. Selbst,
wenn man davon ausgeht, dass die Unternehmen und Investoren alle Tricks
und Schlichen (Mängel) der Bilanzierung u.a. kennen, handelt es sich
zudem um nichts anderes, als die externe Bewertung interner Rechnungslegung;
dabei ist die interne Rechnungslegung (z.B. Controlling) zwar maßgeblich
für die externe, kann jedoch wesentlich manipuliert sein und somit
nicht als wahre Grundlage dienen. Denn natürlich hat die Unternehmung
einen Anreiz, durch die Rechnungslegung möglichst sauber und aussagekräftig
erscheinende Daten dem Markt zu liefern (z.b. Unternehmenswerbebroschüren),
insbesondere, wenn sie noch weitere Aktien emitieren will.
Tatsächlich gibt es nur eine Person, die wirklich weiss, wie es um
ihre Firma bestellt ist. Diese ist der Unternehmer selbst, bzw. im Falle
einer Aktiengesellschaft, der Vorstandsvorsitzende. Und genau dieser hat
ein Interesse daran, möglichst wenig seiner Informationen diesbezüglich
dem Markt kundzutun und seine Unternehmung in dem Licht erscheinen zu lassen,
indem sie am Markt die Aktien zum möglichst hohen Nennwert verkaufen
kann. Was genau der Kapitalmarkt dann mit den Aktien macht, also welche
Kurse sich bilden, ist für das Unternehmen zweitrangig. Vor allem der
Extremfall eines extrem niedrigen Kurses ist für das Unternehmen relevant,
bei dem der Vorstandsvorsitzende nämlich damit rechnen müsste,
dass irgend jemand die Mehrzahl der Aktien aufkauft und dann als Haupteigentümer
der Unternehmung Vorschriften macht, z.B. das Unternehmen zerstückelt
weiterveräußert. Auch würde dann der Versuch, weitere Aktien
zu emitieren, kaum Sinn machen, da die Kapitaleinnahmen verhältnismäßig
gering wären. Ansonsten bedeutet die Volatilität der Aktien dem
Unternehmen wohl Einfluss auf die Emitationspolitik und das Image, es kann
dem ganzen aber sonst gelassen gegenüberstehen.
Eigentlich ist der Aktiengang eines Unternehmens ja gerade dadurch begründet,
einer problematischen und teuren Kreditaufnahme durch Banken zu entgehen.
Insofern die Kreditwürdigkeit von Unternehmen bei Banken vom Aktienkurs
abhängig gemacht wird, ist festzustellen, dass ein solcher Zusammenhang
nach den hiesigen Ausführungen, wahrscheinlich aus Profitgründen,
offensichtlich künstlich hoch gehalten wird. Ökonomisch lässt
sich nur vermuten, dass die Banken dem fragwürdigen Urteil des Kapitalmarktes
trotz aller Schwächen große Bedeutung zumessen oder diese Bedeutung
aus Eigeninteresse kolportieren.
Es ist somit zu konstatieren, dass sich die verschiedenen Interessenten
eines Unternehmens in einem Zustand gegebener Informationsasymmetrie befinden,
der dazu führt, dass Aktienbewertungen am Kapitalmarkt kaum bis gar
nicht sinnhaft begründbar sind. Andererseits muss damit aber auch gesagt
sein, dass der Aktienkurs niemals verlässliche Aussagen über den
realen Zustand einer Unternehmung macht. Daraus folgt, insofern der Aktienmarkt
funktioniert, gilt es, keinerlei Zusammenhänge zwischen Börse
und Wirtschaft zu sehen. Der Aktienmarkt funktioniert also vollständig
unabhängig vom realen wirtschaftlichen Geschehen der Volkswirtschaft.
Insbesondere für Deutschland gilt, dass mehr als 98 % der privaten
Unternehmen mit der Börse überhaupt nichts zutun haben, da es
sich nicht um Aktiengesellschaften handelt. Was in diesem Großteil
der Wirtschaft geschieht, funktioniert ohne jeglichen Einfluss des Aktienmarktes.
Eher hat die Zinspolitik der Zentralbank auf diese Unternehmen einen wesentlichen
Einfluss. Anders ist es in den USA. Hier investiert ein Großteil der
Bürger ihre Altersrücklagen am Aktienmarkt über die New York
Stock Exchange. In den USA besitzt jeder fünfte Bürger Aktien,
in Deutschland nur jeder zwanzigste. Insofern nun hier die Kurse allgemein
sinken, lässt sich empirisch zeigen, dass die Amerikaner aus Vorsicht
mehr sparen, d.h. weniger konsumieren. Dieses hat zur Folge, dass die USA
weniger Waren aus dem Ausland, wie z.B. Deutschland, importiert. Hieraus erklärt
sich dann eine geringere Nachfrage deutscher Güter, es wird weniger
produziert und hieraus folgt eine geringere Beschäftigung.
Es lässt sich somit folgendes festhalten:
1. Das Geschehen am deutschen Aktienmarkt hat fast keine Auswirkungen auf
die deutsche Wirtschaft.
2. Das Geschehen am US-Aktienmarkt hat verhältnimäßig große
Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft.
Somit sollte klar sein, dass die tägliche Berichterstattung in den
Medien über die Börsen lediglich Relevanz hat für diejehnigen,
die hier aktiv investieren oder spekulieren sowie für den Zuschauer
als Voyeur. Für Deutschland als Staat hat es kaum Bedeutung.