Hartz IV. geht in die falsche Richtung
(Leistungsprinzip obsolet)
Ökonomen befassen sich oft mit dem Produktionsbereich einer Volkswirtschaft
und versuchen, diesen optimal zu gestalten. Vernachlässigt wird dabei die
Verteilung der Güter mit dem Hinweis, dies sei Aufgabe der Politik. Schon Adam
Smith schrieb lange vor seiner `Wealth of Nations´ die ´Theory of Moral
Sentiments` und wies damit auf die Bedeutung der Verteilung hin. Tatsächlich
gehört die Güterverteilung inherent zur Aufgabe der Ökonomie und wird dabei der
politischen Ökonomie zugeordnet.
Die Verteilung von Gütern obliegt dem Werturteil, denn es ist zunächst zu
klären, ob und wie diese zu verteilen sind. Die Ökonomie hat sich diesen Fragen
angenommen in dem Bereich der Wohlfahrtsökonomie. Im heutigen Wohlfahrtsstaat
am Beispiel der BR Deutschland wird bei der Verteilung unterschieden in
Leistungs- vs. Bedarfsprinzip. Vordringlich soll hier die Güterverteilung nach
dem Leistungsprinzip stattfinden, indem der, der zur Erstellung des Bruttoinlandsprodukts
(BIP) leistend beiträgt, auch dementsprechend einen Anteil daran erhält. Erst
nachrangig wird dann danach verteilt, wer einen entsprechenden Bedarf hat, den
er nicht über seine Leistungskraft befrieden kann, und er erhält Transferleistungen,
um ein menschenwürdiges Dasein führen zu können. Deutlich ist, dass das
Leistungsprinzip vor dem Bedarfsprinzip zur Verteilung der Güter herangezogen
wird. Ausgehend vielleicht von Carl Menger wird hier implizit die Knappheit der
Güter unterstellt.
Von dieser Knappheit der Güter kann angesichts eines Bruttoinlandsproduktes
der BR Deutschland von weit über zwei Billionen Euro jährlich nicht mehr
ausgegangen werden. Die BR Deutschland produziert damit ca. sieben bis acht von
Hundert des Bruttoweltinlandsproduktes mit einer Bevölkerung von ca. 82
Millionen Menschen, von denen ca. 50% am Arbeitsprozess teilnehmen, wobei
hiervon offiziell ständig ca. vier bis viereinhalb Millionen Arbeitskräfte ohne
Beschäftigung sind. Seit dem sog. Wirtschaftswunder in den 50er und 60er Jahren
des letzten Jahrhunderts hat die Arbeitslosigkeit pro Jahrzehnt um eine Million
zugenommen; es ist abzusehen, dass diese Tendenz im gegenwärtigen Zeitraum
fortläuft.
Die Begründung für dieses Phänomen u.a. ist, dass z.B. in der zweiten
Hälfte der 90er Jahre 1,3% - 1,7% aller Arbeitsplätze pro Jahr durch
Technischen Fortschritt wegrationalisiert wurden. Bisher ist es der Politik
gelungen, dieses Wegfallen von Arbeitsplätzen durch Wirtschaftswachstum zu
kompensieren. Entlang der wirtschaftlichen Entwicklung entstanden in den
letzten Jahrzehnten Arbeitsplätze höherer Qualität vornehmlich im sog. Tertiären
also Dienstleistungssektor. So exitiert in 2003 eine deutsche Wirtschaft, in
der keine 30 % der Beschäftigten in der Industrie und nur noch ca. zwei bis
drei Millionen Arbeitsnehmer in der hierin reinen Produktion von Sachgütern
benötigt werden; alle anderen beschäftigen sich in hiervon abgeleiteten
Bereichen wie z.B. der Versicherungsbranche, tragen also nicht zur materiellen
Güterversorgung der Bevölkerung bei; die Beschäftigung im landwirtschaftlichen
Bereich zur Erstellung wesentlicher Lebensgrundlagen ist mit knapp über einem
Prozent beinahe vernachlässigbar gering. Es ist fraglich, wie lange es der
Politik noch gelingen wird, Menschen unnötig zu beschäftigen nur, weil dies zum
Leben zu gehören hat. Begründet wird dies mit statistischen Größen, die
scheinbar etwas aussagen, in Wirklichkeit jedoch nicht konkret sind. Dahinter
steckt die Annahme, dass ein Arbeitsplatz alle persönlichen und kollektiven
Probleme löse und so zu Wohlfahrtssteigerung führe.
Angesichts der Tatsache, dass Leistung im herkömmlichen Sinne für die
Menschen der BR Deutschland progredient nötig ist, stellt sich die Überlegung,
ob nicht das Bedarfsprinzip zur Verteilung der Güter stärker in den Fordergrund
treten sollte, insbesondere um dem eigentlichen Interesse des Staates, der
maximalen Wohlfahrt seiner Bürger, näher zu kommen. Ein Weg hierzu wäre die
Versorgung der Kinder am Leitfaden der sozialhilfebedürftigen Kinder. Der Staat
kann die grundlegende Versorgung auf einem guten Niveau gewährleisten z.B.
durch Transferzahlungen an Eltern dergestalt, dass es den Kindern altersgemäß
an nichts mangelt; keinerlei Ausschluss aus dem Konsum aus monetären
Gründen muss für alle bis zum Erwachsenenalter gewährleistet sein. Eltern haben
grundsätzlich nur einen Sockelbetrag hierzu beizutragen, z.B. 200 Euro pro
Kind. Somit ist den Eltern eine große Erleichterung erbracht, zugleich eine
Wohlfahrtserhöhung mit Synergiereffekten, zugleich mit einer höheren
Wahrscheinlichkeit höherer Geburtenraten mit allen Folgen u.a.. Außerdem würde
die kindliche Bevölkerung nach 18 Jahren in ein nicht gefördertes
Erwachsenendasein hineinwachsen, was die Frage nach Folgeleistungen aufwirft
und so weiter die bedarfsorientierte Versorgung der Bevölkerung erzwingt. Ausgehend
von der individuellen Nutzenfunktion lässt sich an der kindlichen Entwicklung
diese gültig und zuverlässig ermitteln und mit Hilfe der EDV optimal umsetzen;
eine Orientierung nichtstrategischer Bedarfe an der individuellen
Nutzenfunktion kann so weiter die Bedarfsorientierung fördern. Die notwendigen
strukturellen Veränderungen dürften innerhalb von 18 Jahren gelingen ohne auf
diesen Zeitpunkt bezwungen zu sein. Natürlich kumulieren in diesen 18 Jahren
neue Geburtenjahrgänge und lösen so nach und nach die bisherige
Leistungsgesellschaft ab.
Die beschriebene Abkehr der Deutschen vom Leistungsprinzip erfordert
sicherlich eine Mentalitätsänderung der Bevölkerung. Insbesondere muss den
Menschen ein Instrumentarium in die Hand gegeben werden, mit der sie ihr Leben
selbstbestimmt nutzen können. Wenn hierbei keine effiziente Lösung gefunden
wird, kann es zu individuellen Problemen gesellschaftlichen Ausmaßes mit großen
Wohlfahrtseinbußen kommen. Die Umerziehung der Bevölkerung kann aber über den
beschriebenen Prozess der Erneuerung der Generationen gelingen. Erfahrungen aus
der deutschen Entnazifizierung für die Entrobotisierung sind sicher hilfreich. Das
Ziel ist, den Menschen des Landes im Rahmen des Grundgesetzes vom 23. Mai 1949
mit allen Änderungen ein selbstbestimmtes entproblematisiertes Leben zu
ermöglichen, ohne eine übergeordnete Begründung zu finden, damit das Leben sich
selbst genug ist.
Die Reform des Arbeitsmarktes in Deutschland nach Hartz IV. orientiert sich
wesentlich anhand der o.g. Gewichtung nach Leistungs- und Bedarfsprinzip, wobei
hier die optimale Verteilung der Güter nicht gesucht wird, sondern die
Produktion im Mittelpunkt steht. Die Forderung nach Wachstum soll hierbei
zugleich die Arbeitsplätze schaffen und das Wohlbefinden der sonst arbeitslosen
Bevölkerung steigern. Dazu ist allen bewusst, dass ein überdurchschnittliches
Wachstum großen Ausmaßes notwendig wäre, allein um die o.g. durch Technischen
Fortschritt wettgemachten Arbeitsplätze zu ersetzen. Zugleich würde das
Wachstum, wenn es denn größer wäre, weitere Arbeitsplätze schaffen, aber auch
Ressourcen verbrauchen, was nicht ersetzbar ökologische Konsequenzen hätte und
schon beschworene Szenarien des Systemzusammenbruchs (Club of Rome) zur Folge
haben kann. Ausgehend davon, dass es jedoch nicht zu solch gewaltigen
Wachstumsraten käme, könnte man davon ausgehen, dass Hartz IV. die Verteilung
des „Kuchens“ (BIP) verändert ohne ihn zu vergrößern. Es stellt sich die Frage,
ob diese veränderte Verteilung anhand des Leistungsprinzips von der betroffenen
Bevölkerung gewollt ist. Wohlfahrtsökonomisch ist diese Verteilung z.B. dann zu
bejahen, wenn das Wohlbefinden der Bevölkerung regelutilitaristisch saldiert
insgesamt zunimmt. Da sich die Verteilung an der Leistung und erst dann am
Bedarf orientiert, ist eine solche Wohlfahrtserhöhung fraglich.
Zwei Aspekte von Hartz IV.:
Insbesondere für Akademiker führen die Hartzgesetze zu nichtkompensierten
Risiken. Denn der Fall nach einem akademischen Arbeitsleben in die
Arbeitslosigkeit ist groß und wird nicht mehr wie bisher aufgefangen. Risiko muss
im ökonomischen Leben aber generell kompensiert werden, dies ist hier jedoch
bis jetzt nicht so. Dementsprechend müssen zukünftige Akademikergehälter höher
angemessen ausfallen, damit sich das Studium ökonomisch lohnt (Vergl. Arbeitskosten
in Deutschland zu hoch). Solange dies nicht so ist, ist die Investition in das
Humankapital anhand eines Studiums nicht gerechtfertigt und sollte abgeraten
werden.
Um effizient Arbeit zu vermitteln, müssen private Unternehmer hierfür
zuständig sein. Die bisherigen Arbeitsämter sind bisher nicht in der Lage, mehr
als 1,8-2,4% der 6% Lohnabgaben in die Arbeitsvermittlung einzubringen. Wäre
eine Arbeitslosenversicherung eine private Entscheidung, so wäre das
Nettogehalt zum einen höher und könnte mit zur Risikokompensation beitragen und
zum anderen könnte der Arbeitsnehmer selbst (frei) entscheiden, ob oder wie er
hier versichert ist; er könnte die Prämie einbehalten und das Risiko selbst
tragen oder sich bei einem privaten Versicherungsunternehmen anhand seiner
Bedürfnisse versichern. Es folgt die Abschaffung der Bundesagentur für Arbeit.
Fazit:
Beschäftigung ist nicht irrelevant, aber sie ist längst nicht so wichtig, wie
die Politik es glauben machen will, selbst die Wirtschaft legt nicht soviel
Wert darauf; da die Politik in einer Demokratie den Willen des Volkes
wiedergibt, ist es drastisch notwendig, die Mentalität der Bevölkerung den
realen Gegebenheiten anzupassen, denn es ist mittelfristig davon auszugehen, dass
die Versorgung der deutschen Bevölkerung mit weniger als 10 Millionen
Beschäftigten hinreichend gewährleistet ist. So gehen die von der
Bundesregierung veranlassten Reformen des Arbeitsmarktes nach Hartz IV. in die
falsche Richtung. Viel wichtiger ist die Verteilung. Warum gerade die SPD in
wirtschaftlich erheblich magereren Jahren das Bad Godesberger Programm
aufstellte und damit den bisherigen Sozialstaat überhaupt erst ermöglichte um
gerade im Zustand größten Reichtums all dies wieder in Frage zu stellen, ist
bemerkenswert und lässt vermuten, dass hier noch nicht eingehend durchdacht
wurde. Es scheint, dass die Ermittlung staatstragender Entscheidungen aufgrund
von betriebswirtschaftlichen Überlegungen hier den handwerklichen Fehler
darstellen. Immerhin sind es volkswirtschaftliche Überlegungen, die in der
Geschichte der Menschen zuerst ökonomisiert wurden, die
betriebswirtschaftlichen sind hiervon abgeleitet.